Ende eines Kult-Plattenspielers

Egal in welche Disco man ging, er stand immer schon da: Jahrzehnte war der Technics 1210 das Arbeitsgerät Tausender DJs und ein Musikinstrument, das HipHop erst ermöglichte. Nun wurde die Produktion eingestellt, die Legende tritt ab. Ein Abgesang von Techno-DJ Mijk van Dijk auf die Liebe seines Lebens. Von 

Seit ich in Clubs ausgehe und auflege, sieht das Standardbesteck in fast jeder DJ-Kanzel auf diesem Planeten immer gleich aus: In der Mitte ein Mischpult, links und rechts daneben je ein Technics-1210-Plattenspieler. Der sogenannte Twelve-Hundred ist sozusagen die Fender Stratocaster unter den Turntables, die Mutter aller DJ-Plattenspieler. Ich arbeite mittlerweile seit 18 Jahren als DJ in Clubs, auf Partys und Raves. In dieser Zeit habe ich nur zweimal mit anderen Plattenspielern aufgelegt.

Aber nun soll mit diesem ehernen Gesetz endgültig Schluss sein. Schon im November letzten Jahres erhitzte eine Meldung die DJ-Gemüter, dass der Technics-1210-Plattenspieler nicht mehr ausgeliefert werden solle. Die Erregung legte sich schnell, als bekannt wurde, dass der Verkaufsstopp nur für Australien galt. Das war schließlich weit weg. Doch jetzt ist das Ende des 1210 plötzlich ganz nah. Technics gab den Produktionsstopp des legendären 1210 bekannt – und zwar weltweit.

Das erste Mal begegnete mir der 1210er in den ersten Rap-Videos, die bei „Formel 1“, der Musiksendung im Fernsehen, gezeigt wurden. Grandmaster Flash & The Furious Five! Und ich sah, was Flash mit den Plattenspielern anstellte. Nicht irgendwelchen Plattenspielern, sondern den Technics Twelve-Hundreds,den „Wheels Of Steel“, nach denen auch sein erster stilbildender Scratchtrack „Grandmaster Flash’s Adventures On The Wheels Of Steel“ benannt war: Er fasste drauf, er scratchte die Platten hin und her und er schien keinen Gedanken daran zu verschwenden, ob sie springen oder gar kaputtgehen könnten.
Plattenspieler als Gütesiegel für die Disco
Was waren das nur für Plattenspieler, mit denen so etwas möglich war? Eigene erste Scratchversuche mit meinem riemenbetriebenen Rotel-Plattenspieler sorgten nur für Lärm und Kratzer in meinen Lieblings-LP.
Als ich dann anfing, in Discotheken auszugehen, begegneten sie mir wieder. Sie schienen überall zu sein, in jeder Disco, die was auf sich hielt, standen die Technics 1210er links und rechts neben dem Mischpult. Ich verstand schnell, dass die 1210er so etwas wie ein Gütesiegel waren: Discos, in denen andere Plattenspieler standen, waren auch sonst nicht so prickelnd.
Und die Technics trugen Slipmats: Anstatt der dicken Gummischeibe lag auf dem Plattenteller nur eine dünne, harte Filzmatte. Als ich eines Tages einmal selbst eine Schallplatte auf einen Technics-Plattenspieler legen durfte, wurde mir auch schnell die Funktion der Slipmat klar: Durch seinen direktangetriebenen, starken Motor dreht der Plattenspieler unter der Filzmatte einfach weiter, wenn man die Platte oder die Slipmat mit sanftem Druck fixierte. Wird nun die Platte mit Gefühl angeschoben, ist sie sofort mit der richtigen Geschwindigkeit im Mix.
Abspielgerät? Musikinstrument!

Fingerfertige HipHop-DJs nutzten dieses Feature, um mit zwei identischen Platten immer abwechselnd die gleichen 8 bis 16 Takte zu wiederholen und erzeugten so allein mit zwei Plattenspielern und einem Mixer den Beat für den Rapper, lange bevor es erschwingliche Sampler mit genügend Speicherplatz gab. Als ich das zum ersten Mal live sah, fiel mir tatsächlich die Kinnlade runter: Der Technics-Plattenspieler war in der Hand eines guten DJs mehr ein Instrument denn ein Musikabspielgerät.

Als Acidhouse 1988 über Berlin hereinschwappte, arbeitete ich mittlerweile als Musikjournalist, schrieb über House und HipHop, interviewte deren Protagonisten und tanzte in den Clubs. Die Berliner House-DJs nutzen die Turntables, um aus vielen verschiedenen Platten diesen einen hypnotischen stundenlangen Song zu kreieren, der uns zum Tanzen brachte und nicht mehr losließ. Westbam scratchte gern und gut dazu, ebenso liebte ich aber den Sound, wenn Kid Paul am Ende eines Mixes bei einem Plattenspieler auf die Stopp-Taste drückte, wodurch die Platte mit einem kurzen tiefen Ächzen stehenblieb, bevor dann der Bass des nächsten Stücks reinkickte. Und ein weiterer beliebter Effekt war und ist es, beim Technics einfach den Power-Schalter auszudrehen, wodurch die Musik über einige Sekunden immer tiefer und langsamer wird und bis zum Stillstand austrudelt.
Gerne nutzte ich solche Effekte auch in meinen ersten eigenen Musikproduktionen, an denen ich nachts bastelte. Denn im Studio standen – natürlich – zwei Technics.
Nächtelange Mix-Sessions
1992 kamen dann endlich meine eigenen beiden 1210er in die Studentenbude, gekauft von den ersten Einnahmen meiner selbstproduzierten Platten auf dem legendären Berliner Label MFS Records. Fortan schlug ich mir die Nächte damit um die Ohren, mit meinen beiden 1210ern Mixtapes zu erschaffen.
Die Magie eines tollen DJ-Mixes machten für mich neben der perfekten Musikauswahl schon immer die nahtlosen Übergänge zwischen zwei verschiedenen Musikstücken aus. Welche Freude, wenn plötzlich gegen Ende eines gerade verblassenden Liedes schon die Melodie des nächsten Stücks kurz aufblitzte, die Beats sich mischten und ergänzten und schließlich der einsetzende Bass des neuen Tracks die letzten Reste des vorigen vom Plattenteller wischte.
Dazu dient der Pitchfader des Technics, mit ihm lassen sich – entsprechendes Takt- und Rhythmusgefühl vorausgesetzt – die Tempi zweier Stücke angleichen. Natürlich kann man damit auch ein Lied generell schneller oder langsamer abspielen, aber nach maximal acht Prozent Pitch ist das Ende der Fahnenstange erreicht. Daher rührt auch der Name von Richie Hawtins und John Acquavivas legendären Techno-Plattenlabel „Plus 8“.
Tuningtips in der Bravo

Als dann 1994 Techno gerade auf den Raves immer schneller wurde, erschien vielen DJs ein Pitchbereich von mehr als acht Prozent wünschenswert. Die ersten DJs begannen, die Technics Turntables aufzuschrauben und „nachzupitchen“, maximal 16 Prozent waren rauszuholen und Marusha erklärte sogar in der „Bravo“ in einer Fotostrecke, wie’s geht. Schnell stellte sich allerdings heraus, dass die Laufwerke nach häufigerem Manipulieren der Pitch-Range Gleichlaufstörungen aufwiesen. Die Techniker hassten uns dafür, wenn wir vor unserem Set noch schnell den Schraubenzieher rausholten.

Zur gleichen Zeit schickten sich auch andere Plattenspielerhersteller an, die Technics-Dominanz zu brechen und statteten ihre Produkte mit stärkeren Motoren, größerem Pitch-Bereich, Rückwärtslauf, digitalen Ausgängen etc. aus, doch vergeblich: Nach wie vor steht in (fast) jedem Club der Welt ein Technics-Pärchen.
Denn was auch immer man mit diesen Dingern veranstaltete, sie waren unkaputtbar. Bis jetzt. Was Horden mehr oder weniger begabter DJs nicht geschafft haben, besorgt das Digitale Djing. Immer mehr DJs legen nur noch mit CDs oder mit dem Computer auf, allzu häufig schmiegen sich heute die CD-Player an den Mixer und die guten, alten Technics stehen außen und werden nur noch als Ablage für die CD-Alben genutzt. Aber tritt die Legende wirklich von der Bühne ab? Zumindest auf Ebay wird man den wertstabilen Playern bestimmt noch lange begegnen, Puristen werden auch weiterhin damit auflegen. Sie mögen aus den DJ-Kanzeln verschwinden, aus der Welt sind sie noch lange nicht. Dafür sind sie einfach zu robust gebaut. Für die Ewigkeit.

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